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Der Dreißigjährige Krieg, das Amt Wetter und die Stadt Schwelm1)
Dr. Bernhard Ruthmann
Wir erleben im Zuge der Jubiläumsfeierlichkeiten - 350 Jahre Westfälischer
Friede 1648 - auf breiter Front eine Intensivierung der historischen Regionalforschung,
die zum besseren Verständnis beitragen soll, wie die damalige Bevölkerung einer bestimmten
Region die Schrecken der dreißigjährigen Kriegsführung erlebte und verarbeitete.
Die vorliegende Darstellung fühlt sich in diesem Sinne mit dem Amt Wetter der Geschichte
der südwestlichen Grafschaft Mark verpflichtet und fragt ganz konkret nach den Auswirkungen
dieses Krieges auf die Bevölkerung.2)
Obgleich hier keine Ablaufgeschichte des Dreißigjährigen Krieges in der Grafschaft
Mark geliefert werden kann, so ist doch häufig eine Bezugnahme auf verschiedene
Truppendurchzüge und -einquartierungen unerläßlich.3)
Nähere Informationen zur Stadt und zum Gogericht Schwelm bietet noch immer die detailreiche
Studie von Herbert Schwarzenau, die in ihrer Art unersetzlich eine Fülle von
Einzelinformationen bietet.4)
Der Zugang zum Dreißigjährigen Krieg soll zunächst über kurze Hinweise zur
Periodisierung gesucht werden. Die bekannte Abfrage des Lehrers nach Beginn und Ende dieses
Krieges führt zur schnellen - wenn auch falschen - Antwort mit den
Jahreszahlen 1618 und 1648. Aus regionalhistorischer Perspektive sind diese Daten insofern
falsch oder zumindest kaum relevant, weil hier andere Eckdaten zu nennen wären, etwa
Beginn und Ende des Jülich-Klever Erbfolgestreites (1609/1666) oder der Aufstand in den
Niederlanden (1568) und dem folgenden 80jährigen Krieg.
Spürbar war in unserer Region der Dreißigjährige Krieg jedenfalls erst ab 1621
mit einsetzenden Kriegssteuern und den Winterquartieren des spanischen Generals Don Gonzales
Fernando de Cordova in der nördlichen Grafschaft Mark,5)
und diese Kriegsauswirkungen hielten bis mindestens 1650 an, als die Frage des schwedischen
Satisfaktionsgeldes in Höhe von 17000 Reichstalern konkret auf die Steuerpflichtigen zukam.6)
Begrenzen wir also den Krieg auf die Zeit von 1621 bis 1650, so stimmt dies mit der
Regionalgeschichte überein.
Der Dreißigjährige Krieg wurde von Historikern schon früher oft regional
eingegrenzt, wenn es um die Auswirkungen des Krieges auf das Land und die Bevölkerung ging.
Der Historiker Günther Franz hat die älteren Ansätze zusammengefaßt und dabei
feststellen können, daß eine breite Zerstörungsdiagonale vom Nordosten bis zum
Südwesten das Alte Reich durchzog.
Bei dieser Einschätzung fällt das Gebiet der Grafschaft Mark mehr oder minder aus der
Perspektive heraus, weil es in unserer Gegend zu keiner nennenswerten Schlacht kam, abgesehen
von Belagerungen und wechselnden Besatzungen.7)
Die Bevölkerungsverluste waren aber dennoch so hoch, daß Günther Franz trotz
der Etikettierung dieser Gegend als ein Schongebiet des Dreißigjährigen Krieges doch
auf diesen Menschenschwund hinweisen mußte.8)
Da die Grafschaft Mark keineswegs zu den schrecklichen Kriegszonen gehörte, können
auch hier keine leichten Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge aufgezeigt werden.
Und trotzdem stellen die kurfürstlichen Beamten am Ende des Krieges fest, daß die
wohlhabende Hellwegzone mitsamt den südlichen Ämtern der Grafschaft Mark fast
gänzlich ausgepresst sei und dort nur noch blutarme Untertanen leben.9)
Auf den entscheidenden Wirkungszusammenhang weist uns in rückwärtiger Perspektive
jener Kriegsgeneral, der allgemein für den schrecklichen Brand von Magdeburg verantwortlich
gemacht wird.
Graf Gottfried Heinrich von Pappenheim verzichtete nur wenig später auf die Niederbrennung
der Reichsstadt Dortmund und nahm stattdessen ein hohes Befreiungsgeld entgegen.10)
Dies war kein milder Gnadenakt des Grafen von Pappenheim, sondern ein Akt der Vernunft,
denn seine große Kriegsmacht war wie alle Kriegsparteien auf die finanziellen Resourcen
größerer Kontributionszonen angewiesen, ferner auch auf die Erhaltung solch
operativer Basen wie die Reichsstadt Dortmund. Die Einnahme der Stadt Dortmund war letztlich
für Pappenheim nur ein Intermezzo auf seinem Weg nach Maastricht.
Auf seinem Zug durch die Grafschaft Mark plünderten seine Truppen hemmungslos 70 adlige
Häuser aus.11)
Diese kurzen Bemerkungen sollten vor Augen führen, daß im Folgenden keine
Kriegsereignisse zu schildern sind, sondern die Leiden der Bevölkerung, die aus der
ständigen Präsenz von Truppen in der Nachbarschaft oder im eigenen Hause
resultierten. Zu den kriegsstrategisch immer bedeutungsvoller werdenden Kontributionszonen
gehörte also auch die Grafschaft Mark. Im Folgenden sollen zunächst die vier
Hauptmerkmale charakterisiert werden, die in diesem Zusammenhang dazu führten, daß
der Krieg eine unmittelbare Existenzbedrohung für die Bevölkerung wurde.
1. Die Steuerschraube wird gedreht (damit der Krieg den Krieg ernährt12))
Ich habe kurz angedeutet, daß der Dreißigjährige Krieg materiell auf eine
Besteuerung der Untertanenschaft der besetzten feindlichen oder der neutralen Gebiete
angewiesen war. Ohne diese beständige Steuerleistung wäre der Krieg mit
umfangreichen Söldnerheeren nicht möglich gewesen. Die Besteuerung hatte
kurzfristig noch keinen verheerenden Effekt, doch langfristig verschlechterten sich die
Lebensbedingungen der Menschen zusehens durch eine finanzielle Überforderung.
Zusätzlich - und dies wird später darzustellen sein - litten
die Menschen unter den Kriegsdrangsalen der Soldatesca; d.h. unter der
ständigen Soldatenpräsenz einerseits und unter den sporadischen Einfällen
marodierender Truppen andererseits.
Zunächst zum Ablauf und zum Umfang des ordentlichen Besteuerungssystems: Die
kriegsführenden Parteien bemächtigten sich - anfangs aufgrund bestehender
Koalitionen mit Pfalz-Neuburg und Kurbrandenburg - fester Städte und Burgen
in der Grafschaft Mark. Diese Inbesitznahme war, obgleich für die Betroffenen oft
traumatisch, nur der Auftakt für langandauernde Besteuerungsmaßnahmen. Die
Truppenführer verhandelten zu diesem Zweck mit den Beamten und Ritterbürtigen
der Grafschaft Mark und forderten erhebliche Summen, damit die Truppen entweder abzogen
oder über eine gewisse Zeit versorgt werden konnten. Exemplarisch ist hier das
Eindringen der spanischen Truppen 1621/22 unter de Cordova in die nördliche Grafschaft
Mark mit 10000 Soldaten anzuführen. Diese Truppen blieben jeweils den Winter über
im märkischen Quartier und diese Praxis hielt bis ins Jahr 1624 an. Die Aufwendungen
für die unmittelbar betroffenen Ämter waren hoch, doch die gesamte Grafschaft
nahm an der Unterhaltung der Truppen Anteil, indem die nötigen Summen nach einem
Verteilungsschlüssel repartiert wurden.
Diese Repartition lief meist über die Ebene der Amtsgliederung, wobei dann innerhalb
der Ämter diese Summen auf die Gerichte umverteilt wurden.13)
Ferner nahmen die Freiheiten und Städte der Grafschaft Mark
eigenständig - außerhalb der Amtsstruktur - an der
Abtragung der Gesamtsumme teil.
Ein Beispiel aus der südlichen Grafschaft kann die Größenordnung der
Steuerleistungen belegen.
Der landesfürstliche Steuereinnehmer Jacob Fischer verzeichnete in seinen Unterlagen
für das Kirchspiel Lüdenscheid von 1621 bis 1630 eine Kriegsbelastung in Höhe
von 35400 Reichstalern.14)
Zu diesen Kriegsbelastungen zählte er jedoch nicht nur die abzuliefernden
Geldbeträge, sondern alle zusätzlichen Dienste, Aufwendungen und Einquartierungen,
die durch die anwesenden Soldaten erforderlich waren. In der Grafschaft Mark haben wir zu
dieser Zeit überwiegend eine Herrschaft von Truppen des Pfalzgrafen von Neuburg und
der spanischen-lothringischen Partei.
Bochum war 1623 von Spaniern besetzt, nachdem 1622 schon Hattingen schwer betroffen worden war.15)
Während in Bochum, Hattingen und Essen die Hauptmacht der spanischen Truppen
konzentriert blieb,16)
dauerte auch in den südlicheren Bereichen der Grafschaft Mark die spanisch-neuburgischen
Einquartierungen an, wie sich dies aus Schwelm, Hagen und Altena belegen läßt.17)
Der Steuereinnehmer in Wetter (Matthias Hackenberg) verzeichnete 1624 Aufwendungen, die mit
denen in Lüdenscheid vergleichbar sind. Daraus wird deutlich, daß die Steuereinnahmen,
die zur Zahlung einer bestimmten Geldsumme erhoben wurden, insgesamt etwas höher als die
geforderte Summe sein mußten, da bereits bei der Eintreibung weitere Kosten aufliefen,
ferner auch bei der Bezahlung und bei weiteren Verhandlungen Kosten entstanden. Dies
läßt sich sehr gut für Dorf und Freiheit Wetter belegen, wo der Steuereinnehmer
Hackenberg diese besonderen Ausgaben verzeichnete. So war es üblich, den Soldaten, die
aus Wetter abgezogen wurden ein Abzugsgeld zu überreichen (je Soldat einen Reichstaler).
Einem Leutnant, der nach Werden abzog, gab man ein Abzugsgeld in Höhe von 2 Reichstalern
und 13 Schillingen. Doch nicht nur Abzugsgelder mußten bezahlt werden, sondern auch alle
Botengänge, Verehrungsgelder und andere kleinen Geschenke. Die Steuern mußten
meist nach Dortmund geliefert werden, so daß hier Botengänge an der Tagesordnung
waren. Der reibungslose Ablauf der Steuergeschäfte ist als Verwaltungsaufwand stets
spürbar, wurde aber u.a. auch durch persönliche Beziehungen erleichtert. So war
Hermannus Hackenberg, der Bruder des Steuereinnehmers in Wetter, in Dortmund offensichtlich
mit der Einnahme der Gelder aus den Städten und Freiheiten betraut. In dieser Hinsicht
war er öfters in Wetter und man sicherte sich seiner Dienste durch Branntwein und
Naturalgeschenke.
Er erhielt z.B. wie auch ein Feldwebel, der im Begriff war, zu den ohnehin schon
einquartierten Soldaten in Wetter nochmals sieben weitere hinzuzufügen, einige Fische als
Verehrung geschenkt.18)
Ähnliche Beispiele aus der Stadt Schwelm belegen, daß die städtische
Verwaltung mit den fremden Truppenführern zur Milderung der hochbeschwerlichen
Unterhaltungskosten verhandelten und dabei erhebliche Geld- und
Naturalgeschenke - mit zweifelhaftem Erfolg - aufbringen
mußten.19)
Was geschah aber ganz konkret, wenn z.B. die Gemeinde Wetter im Rahmen der
Steuerveranlagung für die Städte und Freiheiten der Grafschaft Mark
eine gewisse Summe nach Dortmund liefern mußte.
Offensichtlich traf man
sich bei einem Becher Branntwein und überlegte, wieviele Steuertermine anhand
der alten Steuermatrikel nötig sein würden, um z.B. über sechs Monate
eine monatliche Summe von 40 Reichstalern aufzubringen.20)
Die Steuern wurden dann wöchentlich oder vierzehntägig entrichtet, so
daß wir etliche Steuertermine in einem Jahr vorliegen haben.21)
Was dann
jedoch bei diesen Steuerschatzungen herauskam war meist ernüchternd, denn mehr
und mehr waren steuerpflichtige Güter verfallen und wüst, die Menschen
fortgezogen, geflüchtet oder verstorben. So war man in Wetter bei geringem
Steuerfluß und hohem Druck seitens der Truppen - man fürchtete
allgemein die gewaltsame Steuerexekution durch Soldaten - auf andere
Geldmittel angewiesen.
Um an Geld zu kommen wurde 1637 erstmals die Wein- und
Bierakzise verpfändet,22)
ferner wurde, abhängig von der noch fehlenden
Summe, die Geldleihe von wohlhabenden Bürgern gegen einen festen Zins oder
gegen einen Nutzungsabtrag der Gemeindeweiden an der Ruhr praktiziert.
Diese Praxis
fängt schon 1622 mit der Aufnahme einer noch geringen Summe an,23)
doch die Summen erhöhten sich mit der Zeit. 1623 nehmen
die beiden Mitbürger Adolf Bülbering und Johansen von dem Broike aufgrund
ihrer Bürgschaft eine Summe von 100 Reichstalern bei Dortmunder Bürgern auf.
Sie haften unbeschränkt mit ihrer Habe, daß diese Summe samt laufender
Zinssumme von monatlich einem Reichstaler zurückgezahlt wird.
Zur Absicherung
der beiden Gemeindebürgen wird auch ihnen ein Gemeindegrundstück als
Faustpfand verpfändet, nämlich die gemeine Weyde dieser seits der
Rhur, zwischen den Brüggen gelegen, die Steinen genannt.24)
In vergleichbarer Weise verhielten sich die Gemeindevorsteher der Stadt Schwelm,
indem sie indirekte Steuern - wie die Braukessel-, Zoll-, Wegegeld-,
Mühlenteich- und Getreideakzise - verpachteten, ferner die direkten
Steuerschatzungen den Umständen entsprechend erhöhten.
Da auch sie mit
Zahlungsunfähigkeiten oder Steuerausfällen wegen wüster Höfe
umgehen mußten, wurden zusätzlich noch Geldsummen zur schnellen Abhilfe
aufgenommen.25)
Über die Auswirkungen dieser beständigen Besteuerung wird noch zu sprechen
sein. Erstaunlich ist jedenfalls das Ausmaß der gemeindlichen Selbstverwaltung
in Wetter und Schwelm bezüglich der Erhebung und Ablieferung von Steuern, bei
der Überbrückung von finanziellen Engpässen und auch hinsichtlich des
Umganges mit den fremden Kriegsvölkern.
Hatte die Gemeinde die Lasten
bezüglich der Städte und Freiheiten in der Grafschaft Mark zu tragen,
wurde sie zumeist nicht mehr für die eigentliche Kriegssteuer des Amtes
herangezogen.26)
In vergleichbarer Weise ist die Besteuerung der Untertanen im gesamten Amt Wetter
abgelaufen. Auch hier wurde dem Amt von der Gesamtsumme der Grafschaft eine gewisse
Quote auferlegt, die dann nach Dortmund, Hamm oder Lippstadt geliefert werden
mußte.
Die geforderte Geldsumme wurde dann gemäß dem alten
Verteilungsschlüssel auf die Gerichte des Amtes repartiert.27)
Innerhalb der
Gerichte wurde die Besteuerung dann unter Mithilfe der Bauerschaften durchgeführt.28)
Die oben schon für Wetter und Schwelm getroffene Feststellung der
finanziellen Überbeanspruchung der Untertanen läßt sich in gleicher
Weise auch für die Pächter und Inhaber der Hofstätten in den
Bauerschaften des Amtes Wetter treffen.
Konnte hier die Steuersumme nicht aus
dem Erwerbsgewinn vollständig erlegt werden, so war die Folge eine
allmähliche Verschuldung der Privathaushalte und der Bauerschaften.29)
Über den Zustand der Landbevölkerung am Ende des
Dreißigjährigen Krieges geben uns die Steuerstreitakten
von 1645 einen tiefen Einblick.30)
Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges kam es zu gewaltigen
Machtverschiebungen in der Hellwegzone, die bis ins Amt Wetter spürbar
wurden.
Ich hatte schon von der starken Präsenz der spanisch-neuburgischen
Truppen bis ins Jahr 1624 gesprochen, dennoch darf nicht vergessen werden, daß
Christian von Braunschweig (der tolle Christian)
eine verwegene Kriegsführung im Münsterland schon 1621 begann und seine
Truppen auch die Grafschaft Mark bedrohten, vor allem nachdem Soest im Januar 1622
eingenommen wurde.31)
Von festen Stützpunkten aus begann Christian von
Braunschweig einen Raubzug nach dem anderen, wobei auch aus Dortmund Geldmittel
erpreßt wurden, die Eroberung der Stadt aber an plötzlichem Glatteis
scheiterte.32)
Aus Essen bezog Christian hunderte von Musquetten, ehe die Spanier
diesen Handel unterbanden.33)
Insgesamt berührten die westfälischen
Kriegszüge Christian von Braunschweigs nur die nördlichen Grenzgebiete
der Grafschaft Mark, so daß die langfristige Besteuerung der Untertanenschaft
zunächst hauptsächlich auf die spanisch-neuburgische Kriegspartei und
vereinzelt auf kaiserlich-ligistische Heerführer bis 1624 beschränkt blieb.34)
Trotz einiger Lücken in der Aktenüberlieferung muß festgestellt
werden, daß die hohe Besteuerung auch in den Jahren 1625 und 1626 anhielt,
wobei insbesondere ligistische Regimenter des Obristen Dietrich Othmar von Erwitte,
bzw. in Schwelm auch die Soldaten des Grafen von Isenburg unterhalten werden
mußten.35)
Die Situation blieb bis 1629 angespannt, wobei nach wie vor eine regionale Zuordnung
von Kriegsparteien bestehen blieb.
Hierfür war der Besitz befestigter Orte
wichtig, so daß spanisch-neuburgische Truppen über Essen, Hattingen
und das Herzogtum Berg den Nordwesten, kaiserliche Truppen die Region zwischen
Dortmund und Altena, holländische Truppen aber den Nordosten der Grafschaft Mark
dominierten, obwohl hier die Lage häufig wechselte.36)
Der Kurfürst von
Brandenburg, der in dieser Lage als Landesherr in der Grafschaft Mark kaum Herrschaft
ausüben konnte, versuchte verzweifelt mit seinen holländischen
Bundesgenossen (Bündnis vom Oktober 1624) die Herrschaft wieder zu
erringen, doch bis auf wenige Erfolge im Nordosten der Grafschaft Mark Ende
1624/Anfang 1625 scheiterte dieser Versuch, so daß seit dem Düsseldorfer
Vertrag zwischen Pfalz-Neuburg und Kurbrandenburg vom 9. März 1629 der Weg der
Neutralität gesucht wurde.37)
Dies bedeutete nichts anderes, als daß man sich als handelnde Kriegspartei nun
vorerst verabschiedete und den Weg der Diplomatie beschritt, wobei aber die Grafschaft
Mark beständig von fremden Truppen besetzt blieb. In dieser Zeit litt die
Grafschaft unter einer doppelten Kontribution, die einerseits an holländische
Regimenter geliefert werden mußte, andererseits an die kaiserlichen Truppen.
Eine Abrechnung für die Einnahmen und Ausgaben für den Zeitraum vom
4. Januar bis 27. September 1627 belegt den andauernd hohen Verwaltungsaufwand
für die anwesenden Truppen des Hauptmanns Bree [Brede] und für die
Erledigung der Steuergeschäfte.
In diesem Zeitraum wurden 35 Reichstaler
aufgewandt, hauptsächlich für Botengängen im Amt Wetter, aber
auch nach Schwerte wegen der Neutralitet, nach Unna-Maasen
und nach Düsseldorf.38)
Erst ab 1633 liegt für das Amt Wetter eine bessere Quellenlage vor, so daß
ein Sprung in dieses Jahr unversehens zugleich den Wechsel von einer kaiserlichen
Dominanz in der Grafschaft Mark zu einer schwedisch-hessischen Übermacht, die
vor allem durch den Besitz der wichtigsten Festungsstädte Dorsten und Lippstadt
und der Städte Dortmund, Hamm und Soest abgesichert war.39)
Mit großem
Selbstvertrauen forderte Landgraf Wilhelm V. von Hessen-Kassel von den märkischen
Ständen eine hohe Geldsumme zu seinem Truppenunterhalt und bezog sich auf
Zahlungen an den Grafen von Pappenheim im Jahr zuvor. Der Landgraf bemerkte,
daß zwar die Grafschaft sich auf die Neutralität gezogen hätte,
doch Neutralität bedeute für ihn nichts anderes, als daß bei
beiden Kriegsparteien Gleichheit gehalten werde. Den märkischen Ständen
wurde eine Bedenkzeit von acht Tagen gelassen.
Der Landgraf drohte, daß man
sich widrigenfalls selbst bedienen werde und diese Summe vermittelst scharffer
militarischen Execution einbringen lassen, die dan unausbleiblich erfolgen und euch
zu schlechtem Vortheil gedeyen würd.40)
Die schutzlose Grafschaft antwortete
durch Abgeordnete in Bocholt am 9. März 1633 und offerierte dem Landgrafen 10000
Reichstaler mit der Bitte um weitere Verschonung.41)
Diese Summe wurde durch die
Gesandten der Landstände mühesamblich vermittelt, und einmal
für all abgehandelt, doch die Städte und Freiheiten richteten sich
in ihrer untereinander gepflogenen Kommunikation auf einen nötigen Steuerbetrag
von 12000 Reichstalern ein, denn die Gesandtschaftskosten und die bei den
Verhandlungen versprochenen Verehrungsgelder mußten gleichfalls bezahlt werden.42)
Nach der uralten Landtsmatricul stellten sich die Städte und
Freiheiten auf einen Gesamtbetrag von 1000 Reichstalern ein, der dann unter allen
Städten und Freiheiten repartiert werden sollte, ausgenommen Bochum, Wattenscheid
und Hörde, die wegen
ihres eussersten Ruins, Verderbs und Verwüstungh diesmal nichts
beitragen sollten. Bei dieser Gelegenheit erinnert die Stadt Hamm alle sä
umigen Zahler an die Rückstände der Steuerquoten für einen
Steueranschlag vom 28. Dezember 1632.43)
Während sich die Freiheit Wetter
mit der Bezahlung der hessischen Kontribution arrangierte erlebte die Stadt
Schwelm die Kriegsdrangsale seitens des kaiserlichen Generalwachtmeisters Lothar
von Bönninghausen, der im April 1633 aus dem Bergischen Land jeweils die Stadt
um Kontributionen anging und Soldaten einquartierte.44)
Eben dieser
Bönninghausen war es auch, der am 22. November 1633 in der kleinen
Grafschaft Hohenlimburg auftauchte und durch die Drohung einer Beschießung
die Übergabe des Schloßes erzwang.45)
Dies hatte zur Folge, daß
nicht nur die Witwe Johanneta Elisabeth von Bentheim-Limburg ihren gräflichen
Witwensitz verlor, sondern auch das Amt Wetter stets von streifenden Trupps dieses
Reitergenerals bedroht war. Seine Spezialität war offensichtlich die
Verschleppung von Untertanen, um Kontributionszahlungen wirkungsvoller zu
erpressen - doch dazu später mehr. Mit 1633 begann eine Periode
stärkerer Einquartierungen und Steuerbelastungen, einerseits wegen der nahen
Truppen Bönninghausens in Hohenlimburg, andererseits wegen der militärischen
Machtstellung der schwedisch-hessischen Truppen im größten Teil der
Grafschaft Mark.
Als der schwedische Feldmarschall Dodo von Kniphausen dann aber
versuchte, sich mit einer großen Armee in das märkische Winterquartier
zu legen, mußte er doch aus der schon von den Hessen belegten
Grafschaft Hunger und Kummers halber wieder weichen.46)
Hier soll mit der chronologischen Darstellung der wechselnden Kriegsparteien in der
Grafschaft Mark zunächst abgebrochen werden. Es dürfte deutlich geworden
sein, daß die außerordentliche Kriegssteuer, die auf dem Wege der
uralten Matrikelumlage ausgeschlagen wurde, wegen ihrer Höhe und Häufigkeit
zu einer dauernden finanziellen Überforderung der Menschen führte.
Neben der geregelten Steuererhebung und -weiterleitung mußten auch solche
Ausgaben einkalkuliert werden, die dadurch nötig wurden, daß Soldaten
unversehens auftauchten und ihre Beköstigung forderten. Der Steuereinnehmer
Dietrich Schneider schrieb etliche solcher Aufwendungen für das Jahr 1635 auf.
Neben zahlreichen Botengängen - jetzt auch nach
Hohenlimburg - mußten viele Soldaten des schwedischen
Obristen Wendt zum Krassenstein beköstigt werden: Item für die
Gemeine ausgelegt 16 lb. [Pfund] Specks, 32 lb. Brodt, die Cratzensteinischen fur der
Pforten damit zu speysen.47)
Wenig später tauchte ein Hauptmann
auf, so hie exequiren wollen, d.h. derselbe wollte gegen Quittung
von den Eingessenen der Freiheit und des Dorfes Wetter Geld oder Güter erhalten.
Die Gemeinde handelte aber mit demselben gütlich und veranlaßte ihn,
lieber nach Volmarstein weiterzuziehen. Dafür erhielt er einmalig fünf
Reichstaler und ein Quantum Branntwein, das nach Volmarstein geliefert wurde.
Ein anderes Mal tauchten etliche Offiziere vor der Pforte auf und vertranken dort
auf Kosten der Eingesessenen für 16 Schillinge Bier. Nach kurzer Zeit
wiederholte sich dieses Spektakel.
Erst erhielt Rittmeister Zivert für
einen Reichstaler und 32 Schillinge Bier ins Richterhaus geliefert, wo er sich
offensichtlich einquartiert hatte, dann mußte noch das Faß mit fast
20 Schillingen in Anschlag gebracht werden, weil er dasselbe nicht zurückgab,
schließlich mußten drei Tage später etliche Offiziere erneut vor
der Pforte mit Bier und Tuback im Wert von 29 Schillingen versorgt werden.48)
Die steuerliche Beanspruchung der Einwohner stieg wohl ständig, doch der Ertrag
der Steuerschatzung war häufig nicht ausreichend, so daß erneut zur Praxis
der Geldleihe gegriffen wurde.49)
Wenn die Steuerpflichtigen nicht zur Erlegung ihrer
Steuersumme in der Lage waren, wurden die Fehlbeträge in einer sogenannten
Restanten-Liste verzeichnet. Aus solch einer Liste geht nicht nur hervor, daß
wohl fast alle Steuerpflichtigen in Wetter rückständig waren, sondern
daß die kleinen Zusatzdienste - meist Botengänge - nicht
immer bar bezahlt und manchmal auch kein Zehrungsgeld mitgegeben wurde.
Diese Leistungen wurden aber dennoch verrechnet, indem die Steuerrückstände
um eine gewisse Summe verringert wurden. So heißt es beispielsweise beim
Steuertermin vom 12. Dezember 1639: Borggreve [...] 40 ½ Schilling,
hat dies wegen der salva guard einbehalten, dann Althaus hat
gekürtzet das er den Reutern den Wegh geweiset. Ähnlich sind die
Eintragungen zum Steuertermin vom 2. Juni 1640: Peter Nelcken gekürtzet,
so die Dortmundische Soldaten verzehrt, dann Wilhelm Aldemarck, so
gekürtzet wegen Kostgeldes [...] Jasper Kremer so gekürtzet wegen der
Soldaten Kostgelt.
Diese Eintragungen sind wichtig, denn sie belegen,
daß nicht nur Dorf und Freiheit Wetter Ausgaben wegen eines Schutzbriefes
(salva guard) hatten, sondern weitverbreitet Soldaten bei den Einwohnern lebten.
Eine systematische Auswertung dieser Akte ergibt, daß einerseits erhebliche
Steuerrückstände bestanden, andererseits aber doch die Gemeinde
unentgeldlich erhebliche Lasten trug, die bei einer Gruppe von Personen zur Reduzierung
der Steuersumme führte bzw. ein Anwachsen der Rückstände verhinderte.50)
Es darf nicht der Eindruck entstehen, als ob diese Kürzungen der Steuersumme in
erheblichem Umfang vorkamen, doch immerhin ist bemerkenswert, daß immer wieder
die gleichen Namen auftauchen. Bei 88 verzeichneten Steuerterminen
zwischen dem 5. Juli 1637 und dem 2. Juni 1640 haben wir interessanterweise nur
Reduzierungen der Steuersumme bei Gütern in der Freiheit, nicht
aber ein einziges Mal im Dorf Wetter. Die Güter in der
Freiheit - hier sind in der Regel nicht mehr als 35 mit
Restanten verzeichnet - haben ggf. eine privilegierte Stellung
was die Dienste und Pflichten betraf.
Die Güter im Dorf - hier
sind in der Regel nicht mehr als 17 mit Restanten verzeichnet - konnten
also nicht in gleicher Weise wie die Güter in der Freiheit mit dieser Praxis
belegt werden.51)
Letztlich zeigt die Restantenliste die hohe Gemeindeverschuldung, wenn insgesamt bei
manchen Steuerterminen bis zu 51 Güter in Dorf und Freiheit Wetter mit
Rückständen verzeichnet sind. Da es auch noch häufig immer
dieselben Güter sind, laufen mit den Jahren die Steuerrückstände auf,
so daß am Ende des Krieges Überlegungen einsetzen, wie mit den
Steuerrückständen verfahren werden soll, falls z.B. ein Gut längere
Zeit unbewohnt oder gar völlig verfallen war, aber natürlich laut
Steueranschlag die Steuerpflicht geblieben war und somit dieses Gut immer wieder
mit neuen Rückständen in der Restanten-Liste auftaucht. Einen guten
Einblick in diese Problematik bietet uns die Aufstellung zum Gut Wiggenhagen.
Schon die Restantenliste von 1637-1640 zeigt bei einfachem oder doppeltem Schatz
immer 6 bzw. 12 Schillinge Rückstand. Dieser Rückstand summierte sich
dann bis zum 23. Juni 1640 auf über zehn Reichstaler. Da dieses Haus bis 1655
wüst und unbewohnt blieb einigte sich die gesamte Gemeinde für diesen
wie auch für ähnliche Fälle, daß nach 1640 für
alle wüsten Güter nur jährlich ein Reichstaler als Steuerrückstand
berechnet werden durfte.
Das Wiggenhagen-Gut war damit 1655 mit einem
Steuerrückstand von 25 Reichstalern und 30 Schillingen belastet.52)
2. Die Plünderung (mit Quittung)
Für die Einwohner des Amtes Wetter wurde es zur bedrohlichen Handlungsweise
der Kriegsparteien, daß bei zu geringer Zahlung der Kriegssteuern
selbständig zur sogenannten Steuerexekution geschritten wurde, die nichts
anderes als eine Ausplünderung der Untertanen war. Diese Plünderung
wurde aber - es erscheint durchaus paradox - häufig
ordentlich quittiert, so daß letztlich diese Ausplünderung der
Steuersumme angerechnet werden konnte. Das hier die Scheidelinie zur
gewalttätigen Ausplünderung mit allen erdenklichen Übergriffen
auf die Menschen - Brandschatzung, Folter, Vergewaltigung,
Mord - schwierig ist, muß nicht eigens erwähnt werden.
Die Drohung mit einer eigenständigen Steuerexekution der Truppen war
demgemäß äußerst wirkungsvoll, wußte man allgemein
um die Gefahr einer durchs Land ziehenden Truppe und man wollte sich die
eigenständige Verwaltung des Steueraufkommens im Amt bzw. in der
Gemeinde auch nicht entziehen lassen.53)
Wie solch eine Steuerexekution im Einzelfall ablief gibt uns die Quittung für
ausgeplünderte Höfe in der Grafschaft Hohenlimburg preis. Kurz vor dem
Friedensschluß 1648 fiel der hessische Rittmeister Eyles mit 13 Soldaten in
den nidersten wescheder Hof ein.
Der Bruder des Hofinhabers wurde
gefangengenommen - offensichtlich nach Kassel verschleppt - und
die Beute wurde ordentlich quittiert. Zunächst führt die Quittung vier
Schweine auf, deren Verkaufserlös mit 8 ½ Reichstalern angegeben wird,
ferner werden alle möglichen Kleidungsstücke und Hausratswaren
angeführt, letztlich auch 4 kannen Butter.54)
Am folgenden Abend wurde die Plünderung auf dem obersten wescheder
Hof fortgesetzt.
Dort entwendete man u.a. Bettlaken und eine Axt; die
Soldaten blieben die Nacht und haben dort gefressen und gesoffen.55)
Die Gräfin Johanneta Elisabeth schrieb aufgrund dieser Plünderungen und
wegen der Menschenverschleppung an die Regierung in Kassel.
Von dort erhielt sie
entschuldigend zur Antwort, daß diese Maßnahmen möglicherweise
mit dem grossen Mangels zu nothürfftigen Unterhalt der Soldatesque
zusammenhängen würden.56)
Unter solchen oder ähnlichen Umständen wurden ganze Bauerschaften
ausgeplündert. In den Steuerstreitakten von 1645 wird die Bauerschaft
Asbeck im Gericht Volmarstein/Herdecke benannt.
Diese ohnehin kleine Bauerschaft
sei von kayserischen Fouragier ganz ausgeplündert worden.
Dies bestätigt auch die Aussage des Pächters Dietrich Bierman zu
Asbeck: Die Fouragierers [...] hetten ihme seines Viehes und alles,
was gehabt, beraubt.57)
Ein weiteres Beispiel aus Asbeck verdeutlicht, welche persönlichen
Konsequenzen drohten, falls die Kriegssteuer nicht bezahlt wurde. Ennecken
Küper wurde von hessischen Soldaten verschleppt und ihrer Kühe beraubt,
weil sie keine Steuerquittung über die von ihr tatsächlich bezahlten 12
Reichstaler vorweisen konnte.
Diese Steuerquittung hatte ihr angeblich der
Steuereinnehmer Caspar Reinermann vorenthalten.58)
Die stete Angst vor geschwinder Steuerexekution ist in den Akten des Stadtarchivs
Wetter allenthalben zu spüren.
Dies wird insbesondere 1638 deutlich, als die
Frage der Steuerleistung an kaiserliche Kriegsvölker zu Essen aufkam.59)
Zu dieser Zeit war die Gemeinde Wetter ohnehin durch die einquartierten Soldaten
extrem belastet. So mußten die Einwohner in Wetter für die
Soldaten über 500 Reichstaler in nur 24 Tagen aufbringen. Zusätzlich
lief wegen einer Schädigung an Kornfruchte und Hewgewechs im Felde
ein Schaden von etwa 100 Reichstalern auf.
Auch zusätzliche Exekutionen forderten
nicht nur den reinen finanziellen Aufwand, sondern auch manchen Schaden, der dabei
angerichtet wurde.60)
Ähnliches hören wir auch vom hessischen Rittmeister
Peter ter Maet, der zur Eintreibung einer ihm zugewiesenen Steuerschatzung
von 1641 mit erheblichen Drohungen aufwartet und die militärische
Exekution 1643 mit allen Folgen in Aussicht stellt.61)
Die militärische Steuerexekution wird möglicherweise im Zuge der
allgemeinen Verelendung der Bevölkerung in den letzten zehn Kriegsjahren
besonders große Ausmaße angenommen haben.
Wenn 1645 der Richter zu
Hagen Eberhardt Wortmann schreibt, daß die jährlich obliegende
Steuerzahlung an die Kriegsparteien den Wert der im Gericht Hagen
vorhandenen Bestialien (d.h. Kühe) übersteige und ferner
die Privatverschuldung der Eingesessenen ungekannte Höhen erreicht habe,
so macht dies deutlich, daß jenseits aller Möglichkeiten von
Steuererhebung und Geldleihe die Kriegssteuer in vollem Umfang nicht zu
leisten war, so daß letztlich die gewaltsame Exekution bzw.
Fouragierung durchgeführt wurde, um die Bedürfnisse der Truppen
zu befriedigen.62)
Eberhardt Wortmann war schon im September 1636 vom
Rentmeister zu Wetter gegenüber der Regierung in Kleve und
insbesondere gegenüber Graf Adam von Schwarzenberg für
Tod erklärt worden, da er auf der Flucht vor kaiserlichen Soldaten
aus Hohenlimburg, die zur Eintreibung von Steuern aufgetaucht waren, einen
tödlichen Sturz gehabt haben soll. Der Rentmeister teilt diese Begebenheit
der Regierung mit, um sich selber zum Richterdienst in Hagen vorzuschlagen.
Tatsächlich wird Johann Kremer - in Unwissenheit der
tatsächlichen Begebenheiten - später vom Kurfürsten Georg
Wilhelm bestallt, doch diese Bestallung tritt aufgrund der Genesung von Richter
Wortmann nie in Kraft.63)
Interessant an dieser Geschichte ist die offensichtlich panische Flucht des Richters
Wortmann angesichts der herannahenden kaiserlichen Soldaten. Der Richter war sich
darüber im Klaren, daß die Soldaten im Falle einer ungenügenden
Steuerleistung der Einwohner zu Hagen ihn nach Hohenlimburg verschleppen würden,
so daß seine überstürzte Flucht und sein Sturz durchaus nicht
verwundern.64)
Diese Begebenheit, so undurchsichtig sie wirkt, gibt erneut
Anlaß über die weitverbreitete Praxis der Verschleppung
von Menschen - der sogenannten Ranzionierung - zu sprechen.
Letztlich waren die Soldaten offensichtlich stets der Meinung, daß die
Bevölkerung eiserne Reserven in Wald- oder Hausverstecken hatten, an die man
sukzessive gelangen wollte. War im Rahmen der bislang geschilderten Steuererhebungs-
und Exekutionspraxis eine Folterung zum Zwecke der Entdeckung dieser geheimen Reserven
nicht angetan, so war doch im Rahmen der Steuerexekution die Praxis des Menschenraubes
akzeptiert und üblich. Die Soldaten gingen folgendermaßen vor: Wurde eine
Steuersumme nicht entrichtet oder lohnten die vorgefundenen Güter nicht die
Exekution, so verschleppte man einfach Bauern oder Gemeindevorsteher zur nächsten
Garnison. Dort verblieben die Verschleppten bis zu ihrer Auslösung, die auf dem
Verhandlungswege erfolgte. Dabei wurde eine Summe ausgehandelt, gegen deren Bezahlung
der bzw. die Verschleppten entlassen wurden.
Wir haben schon von Ennecke Küper aus
Asbeck gehört, die für ein halbes Jahr ihr Gut verlassen mußte,
weil sie von hessischen Exekutoren nach Kassel verschleppt wurde.65)
Für
diese Praxis gibt auch Gerd Helbeck etliche Beispiele, so die Geiselnahme des
Peter Tacke von schwedischen Soldaten 1632, die Verschleppung des Bürgermeisters
Arnold Bergmann und des Rentmeisters Hildebrand auf dem Kolcke durch
Bönninghausens Soldaten nach Hohenlimburg 1633,66)
ferner die Flucht
etlicher Gemeindevorsteher nach
Elberfeld 1635 wegen einer befürchteten Ranzionierung.
Im Jahre 1640 wurde erneut
Arnold Bergmann gefangen weggeführt, da die Kontribution
erst zur Hälfte bezahlt war.67)
Das die Menschenverschleppung ein allgemeines Phänomen war, belegen ähnliche
Berichte aus Essen, wo es häufig zur Verschleppung nach Kaiserswerth kam oder die
immer wieder beklagte Verschleppung durch hessische Soldaten nach Kassel.68)
Zum Bereich der Menschenverschleppung gehört auch die mehr oder minder gewaltsame
Wegnahme von Bauerssöhnen in den Kriegsdienst.
Die lahme Witwe Trine berichtet,
daß sie zwei Kinder habe, deren ein in den Krieg gezwungen.69)
Auch die Witwe Else auf dem Voß berichtet, daß ihr ältester
Sohn von Capitein Sibergs Volck genohmen und in den Krieg gezwungen
wurde.70)
Ähnlich klingt die Aussage der Witwe Strattman: Der Leuthenand Becker
[habe] ihren Sohn in den Kreig gezwungen.71)
Die Fälle legen den
Schluß nahe, daß Witwen sich besonders schwer bei der Zurwehrsetzung
bei erzwungenem Kriegsdienst taten.
Die kümmerlichen Verhältnisse trieben
darüberhinaus etliche Landeskinder in den Waffendienst, so zwei
Söhne von Diederich Schulte: hat 4 Kinder, deren 2 zu Colln dienet.72)
Diese Bemerkungen sind nicht zu quantifizieren, denn die Abfrage der
kurfürstlichen Kommissare im Steuerstreit erfaßte mehr zufällig
diese Facette des Krieges, wenn es um die Kinderzahl ging.
Auf diese Frage antworten
etliche Personen mit der Unterscheidung zwischen unmündigen, erwachsenen oder
auswärtigen Kindern, ohne daß bei Letzteren klar wird, wo sie verblieben
sind und ob sie ggf. in Kriegsdienste eingetreten waren. Der Hattinger Pastor Hermann
Mercker berichtet 1622, daß die spanischen Truppen Sonntags in die Kirche kamen
und Männer zum Kriegsdienst musterten.73)
3. Der gewalttätige Überfall
Bisher wurde von dem ordentlichen Steuersystem und der erzwungenen Steuerexekution
gesprochen, doch neben diesen geregelten Verfahren der Truppenunterhaltung gab es den
Bereich der Ausschreitungen und gewalttätigen Überfälle mit dem Ziel
der schnellen Beute oder der grausamen Quälerei. Dieser Bereich ist u.U. von
der ordentlichen Steuerexekution nicht leicht zu trennen, denn bei einer erheblichen
Verrohung der Sitten kam es schon bei der Steuerexekution zu Brandschatzungen.
Ein gutes Beispiel dieser schwer zu ziehenden Grenze bildet das kostbarliche
Winterquartier des Lothar von Bönninghausen in der Grafschaft
Mark vom Herbst 1629 bis Frühjahr 1630.
In dieser Zeit soll er bei
insgesamt fünf Märschen nach Hameln, Hildesheim und Osnabrück
aus den märkischen Ämtern Altena und Wetter insgesamt 1500 Pferde und
unzähliges Vieh fortgetrieben haben.74)
Ob die Bemerkung der
Ausplünderung der Bauerschaft Asbeck durch kaiserliche Fouragier auf
Bönninghausen gemünzt war, ist nicht gesichert, doch in den
Steuerstreitakten finden sich unzählige Belege über fortgetriebene
Pferde und Kühe durch die Soldaten, ohne aber einen Bezug auf
solch übergreifende Truppenbewegungen herzustellen.75)
Die Durchzüge der Truppen führten immer wieder zu bedrohlichen Situationen,
so wie dies aus dem Amt Wetter und dem Amt Altena bekannt ist.76)
Schlimmer noch waren die besonders gefährlichen Einfälle fremder
Kriegsherren aus den Grenzregionen der Grafschaft Mark. Die besonders gefährdete
Lage der Schwelmer Gegend liegt aufgrund der nahen bergisch-märkischen Grenze
auf der Hand. Am 15. August 1635 rottete sich im Unterstift Köln eine Schar
von 200 Reitern unter dem Befehl von Clasken von Beleck und Cort von Misten
zusammen und fiel plündernd in die Grafschaft Mark ein. Die Beamten
berichteten an den Kurfürsten in Berlin, daß diese Truppe,
gegen die die Grafschaft völlig wehrlos war, insgesamt sieben Ämter
ausgeplündert habe und dabei 300 Pferde mitnahmen.
Es kam im Zusammenhang dieses Überfalles zu Ausschreitungen gegen
katholische Kirchen, indem dieselben ausgeraubt und niedergebrannt wurden.77)
In Castrop wurde zu Maria Himmelfahrt ein Kommunikant tödlich verletzt,
während sich der Priester in den Glockenturm flüchten konnte.
Ein Knecht, der sich vor der Kirche ergeben wollte, wurde erschossen und eine
Frau wurde im Felde violiert, d.h. vergewaltigt.
Die Beamten schildern
ferner, daß dem Landsyndikus seine Akten geraubt und ohne Rücksicht auf
Pestkranke Flecken und Städte ausgeplündert wurden.78)
Die gewalttätige Aktion wurde von kaiserlicher Seite schließlich
mißbilligt und die Anführer wurden in Altena inhaftiert, doch die
Beamten entrüsten sich, daß der Hauptschuldige nach kurzer Zeit
der Haft entlassen und sogar als Rittmeister in kaiserliche Dienste trat.79)
In der spanisch-neuburgischen Vormacht zu Beginn des Dreißigjährigen
Krieges kam es aufgrund der konfessionellen Frontstellungen zu erheblichen Eingriffen
in den Kultus der märkischen Gemeinden, welcher überwiegend reformiert oder
lutherisch war. Im Zusammenhang der gewalttätigen Eingriffe interessieren nicht
die vielfach zu beobachtenden Absetzungen von Protestanten zugunsten von katholischen
Priestern, sondern nur die außergewöhnlich gewalttätigen
Vorgehensweisen. Bemerkenswert ist z.B., daß die Äbtissin zu
Essen gegen ihre protestantische Stadtgemeinde explizit unter gegenreformatorischen
Gesichtspunkten spanische Truppen ins Stift holte, die dann gemeinsam mit dem
kurkölnischen Offizial die geistliche Gerichtsbarkeit und die katholische
Messe erneut einführen sollten.
Die Belastung durch die Einquartierten
trugen selbstverständlich die Bürger der Stadt Essen.80)
Von unmittelbarer Brutalität war die Vorgehensweise gegen den aus Ennepetal-Voerde
stammenden Pastor zu Bochum Melchior Ebbinghaus. Als spanische Truppen 1623 das Amt
Bochum besetzten und dort hart gegen die evangelische Gemeindeführung vorgingen,
kam es zur Folterung von Ebbinghaus. Offensichtlich wurde er an einen Ofen gebunden,
der dann angeheizt wurde.
Mit erheblichen Brandverletzungen floh er aus dem Haus,
war aber mit Sicherheit bis 1627 schon an den Spätfolgen verstorben.81)
Auch in Gelsenkirchen soll es zur gewaltsamen Gegenreformation gekommen sein,
wohingegen in Schwelm dieser Versuch letztlich an einem fast einheitlichen
Festhalten der Stadtelite an der lutherischen Konfession scheiterte, ebenso
offensichtlich auch ein ähnlicher Versuch in Wetter, wohin ein Jesuit
im Februar 1629 abgesandt werden sollte.82)
Die Standhaftigkeit der Schwelmer Stadtelite führte aber zu einer
gewalttätigen Reaktion von kaiserlich-katholischen Soldaten, die ggf.
von den örtlichen Katholiken herbeigerufen worden waren. Soviel steht
jedenfalls fest, daß kaiserliche Truppen, die im Bergischen Radevormwald
und in Lennep Quartier hatten, Ende Januar/Anfang Februar in Schwelm
auftauchten und die Stadt gantz und gahr ausplünderten.
Ihre Wut richtete sich dabei besonders gegen den exponierten Lutheraner
Georg von Vaerst. Nicht nur wurde sein Haus ausgeplündert, vielmehr
zerstörte der Gerichtsschreiber Busäus seinen Kirchensitz und
Vaerst wurde gefangen weggeführt.
Diese gewaltsame Vorgehensweise gegen
das überwiegend lutherische Schwelm blieb zwar Episode, doch die Grenzlage
zum Bergischen gab zur Vorsicht allen Anlaß und der Gemeinde entstand
durch die Plünderung der große Schaden von 13327 Reichstalern.83)
Die Brandfolter wie im Falle von Melchior Ebbinghaus war im übrigen nicht
typisch spanisch, sondern wurde wohl von allen Seiten ausgeübt.
Im Frühjahr 1637 sahen sich die märkischen Beamten dazu veranlaßt,
wegen erheblicher Grausamkeiten der holländischen Truppen an den Kurfürsten
zu schreiben.
Der Kurfürst entschied, daß diese Exzesse durch eine
Gesandtschaft an den Haag thematisiert werden sollten.84)
Die ganze Willkürlichkeit des Krieges bekam die Gemeinde Wengern zu spüren,
als im Sommer 1634 eine streifende Rotte feindlicher Soldaten auftauchte.
Diese Soldaten bedrohten die Einwohner, die sich - Sicherheit
suchend - in das feste Gemeindegebäude geflüchtet hatten.
Dort hielt sich auch der alte Pastor Johann Fabricius mit seinem Sohn und
designierten Nachfolger Henrich auf.
Um die drohenden Soldaten loszuwerden
einigten sich die Eingeschlossenen, mit den Soldaten um ihren Abzug zu verhandeln,
wofür ihnen ein Handgeld geliefert werden sollte.
Als Henrich Fabricius sich
am Fenster zeigte, um den angestrebten Akkord zu treffen, wurde er zum
größten Leidwesen des Vaters und der Gemeine von einem solchen
Barbaren [...] erschossen.85)
Hermann Mercker ordnet diese Gewalttätigkeit
den hessischen Truppen zu, die in großer Stärke in den Ruhrwiesen bei
Stiepel lagerten.86)
Eine zahlenmäßige Einordnung solcher Begebenheiten
kann aufgrund der mangelnden Quellenbasis nicht erfolgen, doch wir können
annehmen, daß hinter manch lapidarer Mitteilung in den Akten zum
Steuerstreit 1645 ein gewalttätiger Überfall größter
Brutalität steckt.87)
Ein Frage größter Tragweite ist, inwieweit die Menschen mit der
Plünderungspraxis und mit den willkürlichen Gewaltmaßnahmen
umgingen, vor allem weil ja die Vorratsberaubung wenn nicht unmittelbar,
so doch mittelbar lebensbedrohlich war. Der Historiker Johannes Burkhardt spricht
von Strategien, die die Bevölkerung auf dem platten Land entwickelte, um sich
vor der Vorratsberaubung und der unmittelbaren Gewalt so gut es ging zu schützen.
Er beschreibt den Ausbau eines regionalen Informationsnetzes, damit die
Menschen über Truppenbewegungen möglichst frühzeitig informiert
waren, so daß genug Zeit zu einer geregelten Flüchtungspraxis entweder
in befestigte Städte und Burgen oder aber in abgelegene Wälder und
Höhlen blieb.88)
Auch Gerd Helbeck beschreibt die Ausprägung eines Frühwarnsystemes, das
auf häufigen Botengängen basierte.89)
Im Amt Wetter waren zwar mit der
Stadt Schwelm und der Freiheit Wetter feste Plätze vorhanden, die mit einer
Stadtmauer befestigt waren, doch ihr Schutzfunktion war bei einer ernsthaften Belagerung
gering. Auch der Einzugsbereich der befestigten Plätze war meist nicht
groß, so daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen
eine Flüchtungspraxis entweder in den Wald oder aber in Höhlen
praktizierte. Die Bodenverschlechterung bei gleichzeitiger Beraubung von
Saatgeräten und Saatgut führte im ganzen Amt Wetter zu einem Wechsel
von intensiver Bodennutzung zu extensiver Bewirtschaftung mit Vieh, so daß
eine Flucht mit dem Vieh praktiziert wurde.
In diesem Zusammenhang muß auf
die Fluchtpraxis in die Klutert-Höhle hingewiesen werden,
die wahrscheinlich von Familien der Voerder und Mylinghauser Bauerschaft genutzt
wurde. Johann Dientrich von Steinen hat auf die Nutzung der Klutert-Höhle
als Fluchthöhle hingewiesen und dabei beschrieben, daß in der
weitverzweigten Höhle einzelne Familien Seitenarme durch
Bretterverschläge abgetrennt hatten und dort - auch mit
Vorhängeschlössern gesichert - Güter aufbewahrten.90)
Auch Alfred Blum erwähnt diese Kriegspraxis in seiner Chronik der
Klutert-Höhle, doch er irrte durchaus in seiner Bewertung, daß
sich nur die evangelische Bevölkerung dorthin vor den katholischen
Truppen in Sicherheit brachte, denn die Bevölkerung hatte schnell erkannt,
daß unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit jede streifende
Truppe große Gefahr bedeutete.91)
Zum Schutz der Freiheit Wetter gab es einen ordentlichen Wachtdienst, den sich
Bewohner der Freiheit und des Dorfes fast gleichmäßig unterziehen
mußten. Ein Versäumen der Wacht war unter eine Brüchtenstrafe
gestellt. Tagsüber mußten ab 1632 stets sechs Eingesessene des Dorfes
in der Freiheit Wachtdienst leisten; zur Nachtwache hielten die Bewohner der
Freiheit die Wacht in der Freiheit, die des Dorfes eine Wacht auf dem dortigen
Turm (Kirchturm).
Als im März 1646 ein Streit über die Belastung wegen
des Wachtdienstes ausbrach, verwiesen die Eingesessenen der Freiheit auf die
Funktion der Wacht und auf den Schutz, den die Freiheit biete, wenn die
Dorfbewohner bei Kriegseinfällen in die Freiheit flüchten konnten.92)
Die Zugangsbrücke zur Freiheit blieb für Soldaten offensichtlich
geschlossen, so daß man ihnen Speiß und Trank vor die
Pforte reichte.93)
Die fremden Truppen in der Grafschaft Mark bedrohten nicht nur die einfache
Bevölkerung in den Städten und Bauerschaften, sondern auch die
exponierten Beamten des Landesherrn, seien es die Richter und Steuereinnehmer,94)
oder die adligen Amtsdroste. Der Amtsdrost zu Wetter - Bernhard von
Romberg - wurde als alter Mann zweimal zur Zielscheibe der kaiserlichen
Offiziere, die in Dortmund ihr Hauptquartier hatten und ihn ganz offensichtlich
für höchst widersätzlich hielten. Romberg gehörte einer
alten Adelsfamilie an, die ihren Familiensitz in Unna-Maasen hatte.
Buschmann rechnete die Familie zu den Anhängern der reformierten
Konfession. Seine Amtsbestallung als Drost zu Wetter erhielt Romberg
schon 1590 von Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg und amtierte in dieser
Funktion trotz aller Wirren des Erbfolgestreites.95)
Schon Bernhards
Vater - Georg von Romberg - war Drost des Amtes Wetter
gewesen und nachdem Bernhard von Romberg am 24. Mai 1639 gestorben war,
bemühte sich seine Witwe Clara Christina Staell von Holstein um die
Nachfolge im Drostenamt für ihren Sohn.96)
Im Vorfeld der Ausschreitungen gegen den Drosten Romberg kam es im Spätherbst 1636
zu militärischen Erfolgen des kaiserlich-kurbayerischen Feldmarschalls Graf
Johann von Götz gegen Dortmund und in der Grafschaft Mark, so daß das
hessisch-schwedische Übergewicht erneut zugunsten der kaiserlichen Truppen kippte.
Die Beamten fürchteten im Frühjahr 1637, daß auf die Grafschaft Mark
nun eine Verpflegung von etwa 40 Kompanien zukommen würde.
Da dies wegen
der weltkündigen Armuth dieser Grafschaft nicht geleistet werden
konnte, versuchten die märkischen Beamten über eine Gesandtschaft zum
Kurfürstentag nach Regensburg eine Milderung der Lage,97)
doch dieser Versuch
war im Ganzen erfolglos, so daß schließlich die Grafschaft
Mark der Götzischen Armee 71000 Reichstaler bar erlegen sollte und
zusätzlich große Mengen an Kornfrüchten, um ein Magazin
aufzubauen.
Diese Forderungen konnten die Beamten nicht erfüllen, denn das
Getreide war wegen mangels des taglichen Brodts nicht beyzubringen.98)
Dies führte zu einer erheblichen Spannung zwischen dem Grafen von Götz
und den märkischen Beamten, die in seinen Augen durch ihre Handlungen offenbart
hätten, daß sie sämtlich eher holländisch oder schwedisch
affektioniert seien. Dieser Vorwurf wog außerordentlich schwer und eben in
diesem Zusammenhang wird der Drost Romberg namentlich genannt.
Viele wie Romberg
würden dem Land durch unnötige Beschwernisse und eigentätige
Versäumnisse schweren Schaden zufügen.99)
Die konkreten Gründe,
weswegen später so unfreundlich mit einer Standesperson umgesprungen wurde,
liegen im Dunkeln, doch möglicherweise ging es um die Anwerbung einer Kompanie
durch Bernhard von Romberg - dies freilich aus kurfürstlichem Befehl -,
um Blankenstein zu besetzen und die Freiheit Wetter von den Goltzischen Soldaten, die
dort als Garnison einquartiert waren, zu befreien.100)
Jedenfalls wurde Bernhard von
Romberg nach Berichten
seiner adligen Standesgenossen im September 1637 wie ein Übeltäter verhaftet
und offensichtlich nicht recht bekleidet - ohn Mantel, Deegen ,
Pistollen, Stieffel undt Spoeren - durchs Land herumb
geführet, hin und wieder gefencklichen angehalten,101)
und dannenhero [von]
dem gottlosen Gesindtlin der Courtaguarden [Korsaren/Croaten?], bey der
Tubackpfeiffen festgehalten.
Aufgrund dieser unwürdigen Behandlung
stellten sich adlige Unterhändler bei den kaiserlichen Offizieren in
Dortmund ein, doch diese wurden mit Maullschellen, prüggelen und
schlagen traktiert, so daß sie sich blutend zurückziehen
mußten.102)
Auf diese Begebenheit bezieht sich offensichtlich eine spätere
Zusammenfassung, wobei es aber bezüglich des Jahres fälschlich bei 1636
heißt: Dabei dan auch die Sommerquartieren mit etzliche hondertthausent
Thalern und bethawrlichen [bedrohlichen] fangen und spannen der Beambten, als auch
Apprüggelungh der Noblesse, haben müssen verrichtet werden.103)
Obgleich offensichtlich Bernhard von Romberg - zu dieser Zeit wohl über
Siebzig104)
- nach kurzer Zeit wieder freigelassen wurde, waren dennoch die
Animositäten gegen seine Person und Amtsführung geblieben.
Als Beleg
hierfür mag die unnachgiebige Pfändung seines Adelsgutes in Unna-Maasen
dienen.105)
Auch hier ist der ausschlaggebende Grund nicht bekannt, es könnten
aber rückständige Geld- oder Naturallieferungen dafür verantwortlich
gewesen sein. Der Drost des Amtes Bochum - Wennemar von
Neuhoff - berichtete dem Kurfürsten am 26. Januar 1638,
daß drei Tage zuvor Graf von Götz seine Drohung gegen märkische
Beamte wahr gemacht habe und das große Adelsgut des Drosten Romberg in
Unna-Maasen ausplündern ließ. Aus dem Adelsgut, welches occupiret,
von Völckern belägert, undt von allem Vorrath undt Getraidt
allerdings [...] entblösset, nahmen die Soldaten erhebliche Mengen
an Vieh mit.
Eine Aufstellung zeigt, daß Romberg ein außerordentlich
wohlhabender Adliger gewesen sein muß, denn aus seinem Gut wurden 6
Pferde, 30 Melckenkhue, 65 Schweine und über 400 Schafe entwendet.106)
In den Gravamina der märkischen Beamten von 1638 wird dieser Vorfall auch
thematisiert. Dort wird auch darauf hingewiesen, daß neben dem Vieh auch
etliche wertvolle Gegenstände nach Dortmund ins Hauptquartier verbracht wurden,
ferner eine Besatzung auf Kosten Rombergs im Adelsgut zurückgelassen wurde.107)
Die vom späteren Richter Reinermann geführte Einnahmen- und Ausgabenrechnung
für das Amt Wetter führt einige Posten auf, die eindeutig belegen,
daß Bernhard von Romberg sich schon am 9. Februar vom Amt 166 Reichstaler
als vorläufige Schadensdeckung auszahlen ließ, obwohl offensichtlich
diese Steuer des Amtes eigentlich dem Feldmarschall Grafen von der Wahl zugedacht
war.
Aus dieser Quelle ist zwar der weitere Fortgang der Streitsache nicht ersichtlich,
doch zumindest sind darin noch einige Ausgabeposten enthalten, die darauf hindeuten,
daß Caspar Reinermann gemeinsam mit Rittmeister Stael und Obristwachtmeister
Berchumb in Dortmund und Lübbecke Mitte Januar um die Deoccupierung
des Hauses in Unna-Maasen verhandelte.108)
Zum Bereich der gewalttätigen Überfälle kann abschließend noch
kurz darauf verwiesen werden, daß es zwar grundsätzlich in den deutschen
Territorien erlaubt war, bei Übergriffen die räuberischen Soldaten
festzunehmen, doch bei einem weitgehenden Fehlen von militärischen
Exekutionstruppen war an eine Strafverfolgung nicht zu denken, so daß
die Beamten in der Grafschaft Mark alles versuchten, um die Frage des
Truppenunterhaltes soweit zu regeln, daß Übergriffe (beute-)
hungriger Soldaten unterblieben.
Die Quellen bieten somit auch für
die ganze Periode des Dreißigjährigen Krieges nur einen Fall aus dem Amt
Wetter, wo es zur Hinrichtung von vier Soldaten in Hagen kam, wobei Theis von Ende
und seine drei Mitbeklagten wahrscheinlich sogar aus dem Amt stammten.109)
Einen Mord in Hattingen - ein spanischer Soldat hatte seine deutsche Hure
erstochen - wurde vom spanischen Untersuchungsrichter nicht weiter verfolgt;
der mutmaßliche Täter lief weg und die tote Frau wurde vom Abdecker wie
befohlen einfach in die Ruhr geworfen.110)
4. Die schreckliche Pestseuche
Die vielen Beispiele aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges haben bislang
verdeutlicht, unter welch hohem Druck die Bevölkerung und die Verwaltungsbeamten
standen, wenn es darum ging, über Jahre große Geldsummen und Naturalien vom
Munde abzusparen und den Kriegsherren zu liefern.
Die Verelendung der Bevölkerung
führte dazu, daß nur wenig zum notwendigen Unterhalt der Höfe und zur
Instandhaltung der Gemeindemark erübrigt werden konnte, ganz abgesehen davon,
daß immer wieder Truppen direkt für Haus- und Flurschäden
verantwortlich waren.111)
Diese mittelbaren wie unmittelbaren Auswirkungen des Dreißigjährigen
Krieges führten nicht zu übermäßig vielen Menschenopfern in
der Grafschaft Mark - diese waren erst im Zuge der großen Pestwelle
von 1636 zu beklagen. Die Pest - es handelt sich wohl meist um die
Beulenpest - trat im Zuge der unhygienischen Bedingungen des Krieges
durch die verbeiteten Ratten und durch die Übertragung auf dem Wege des
Rattenflohes immer wieder auf. Die Erkrankung wurde offensichtlich, wenn Pestbeulen
am Hals, unter den Achseln und in den Leisten sichtbar wurden sowie violett-schwarze
Hautflecken auftraten. Zwischen Erkrankung und Tod lagen meist nur wenige Tage, so
daß der schwarze Tod bei Unkenntnis der Ansteckungswege schnell epidemisch
werden konnte. Eine Verdichtung zur Seuche läßt sich in den
Jahren 1619/22 und 1635/36 ausmachen.
Einige Zahlen sollen belegen, daß die erste Pestwelle geringeren Ausmaßes
war, dagegen die zweite Pestwelle eine demographisch spürbare
Größenordnung erreichte. Die Literatur hält nur wenige
Zahlenangaben für die erste Pestwelle, die etwa von 1619 bis 1622 währte,
bereit.
Immerhin spricht Gunnar Teske von etwa 300 Pesttoten 1620 in Schwerte. Auch
in Unna und Dortmund habe die Pest Opfer gefordert, doch offensichtlich nicht so
schlimm, denn im Kirchenbuch der Mariengemeinde steht, daß Gott balde
seine Rute eingezogen.112)
Die Pest ist auch für Lünen belegt und
soll hier für den kurzfristigen Abzug holländischer Soldaten gesorgt haben.113)
Darpe schreibt dramatisch für Bochum: Der schwarze Tod, des blutigen
Krieges wilder Genosse, mähte Scharen von Einwohnern dahin.114)
Auch Hattingen war ähnlich stark betroffen.115)
Die erste Pestwelle betraf die Grafschaft Mark nicht gleichmäßig,
vielmehr sind die südlichen Bereiche - insbesondere das Amt
Wetter - weniger stark betroffen gewesen.
Die zweite Pestwelle von 1635/36 kann als eine verheerende Seuche angesehen werden,
die überall ihre Spuren hinterließ. Der Hauptgrund hierfür liegt in
dem nun vergleichsweise schlechteren Gesundheitszustand der Bevölkerung nach
langen Jahren des Krieges und der Entbehrung, wobei auch diesmal die Truppenbewegungen
für eine schnellere Verbreitung der Seuche sorgten. Johann Dietrich von Steinen
hält für viele Orte der Grafschaft Mark Zahlen bereit, die als Orientierung
dienen können.
In Altena sollen in vier Monaten 687 Menschen der Pest erlegen sein,
Breckerfeld war betroffen, Halver verlor 1100 Menschen. In Voerde verstarben die Pastoren
Wippermann und Bülbering mit einem großen Teil der Gemeinde.
Ähnliches
trifft auch für Hohenlimburg zu.116)
Im kurkölnischen Vest Recklinghausen sollen
etwa 50% der Bevölkerung - Schätzzahlen sprechen von 1500
Personen - verstorben sein. Auch in Hamm, Dortmund, Bochum und Hattingen
grassierte erneut die Pest.117)
Eine Schwerter Chronik berichtet, daß die Pest
zwei Drittel der Stadt geleert habe, obwohl hier natürlich eine
Flüchtungspraxis in Rechnung zu stellen ist.118)
Auch für die Menschen im Amt Wetter war die Pestwelle von 1635/36 verheerend.
Gerd Helbeck beziffert die Menschenverluste im Kirchspiel Schwelm mit 1000 Personen,
die Steuerstreitakten weisen für das Gericht Hagen 2400 Menschen aus.119)
Den Angaben von Johann Dietrich von Steinen zufolge waren die Bauerschaften Esborn,
Silschede, Wengern und Albringshausen nahezu menschenleer. Die berühmten
Pestpredigten des über 90jährigen Pastors Johann Fabricius fanden unter
freiem Himmel statt, da die Kirchspielsleute aus Bommern, wo die Pest noch nicht so
schlimm gewesen war, sich nicht mehr nach Wengern in die Kirche trauten.
So ist Johann
Fabricius seiner Gemeinde auf halbem Wege entgegengegangen und es wurde auf dem
Höhepunkt der Epidemie Gottesdienst außerhalb der Kirche gefeiert.120)
Die Pest in der Freiheit Wetter war keineswegs weniger stark als anderswo, wie uns
der eindrucksvolle Bericht der Ursula, Witwe des Evertz zum Berge, zeigt.
Die
Ereignisse während der Pest werden wegen eines Güterstreits im Jahre 1652
aufgerollt und nacherzählt.121)
Als die Pest auch in Wetter ausgebrochen war,
verstarb daran Henrich Fischers Ehefrau. Der alte Henrich Fischer, der im Haus mit
seinem schwachsinnigen Sohn lebte, beauftragte Clara Arentz und ihre Tochter, seine
tote Ehefrau auszukleiden, für die Bestattung vorzubereiten und in den Sarg zu
legen, damit sie ehrlich bestattet werden konnte. Darüber seien, so wird in der
Quelle berichtet, Clara Arentz und ihre Tochter ebenfalls an der Pest erkrankt und
verstorben. Möglicherweise waren Mutter und Tochter Arentz schon krank in das
Haus des Henrich Fischer gekommen. Die beiden toten Frauen lagen dann im Haus für
drei Tage, ehe Henrich Fischer es schaffte, Ursula und ihren Ehemann zu überreden,
ins Haus zu kommen und Mutter und Tochter Arentz zur Bestattung fertigzumachen.
Dies
war nicht einfach, denn offensichtlich hatte schon eine andere Frau - die
Croner´sche122)
- die inständige Bitte um Hilfe abgelehnt. Ursula
erzählt: Endtlich bin ich Ursula, uff fleissigs Bitten Henrichen Fischers
durch Wilhelm Aldemarck und den Fronen Johan Haberman begehrt worden ins Haus zu gehen
und die Thodten auszukleiden, als aber bey der geschwinden pestilentialischen Gifft mich
zwarn darin beschweret, doch mich bey solcher grossen Noth dahen bereden lassen und in
Gottes Nahmen zu Trost des betrübten verlassenen Mans und Sohns heneingangen,
beide Clara und ihre Tochter ausgekleidet. Nachdem Ursula die Pesttoten
eingesargt hatte, blieb sie wegen weiterer Bitten im Haus und verpflegte die
beiden Hinterlassenen.
Dies war eine schwere Aufgabe, denn inmittels die
Kriegsvolcker gar hauffig in die Freyheit kommen und bey solchem uberaus starcken
Einfall in bemelten Fischers Haus uber hundert Man zu Ross und Fuess,123)
im Haus,
in Kammern, Stuben und uffm Balcken, Quartier gemacht, mich ubel tractirt und ins
Fewer gestossen, daneben aller meiner Kleider verlustigt worden. Die nun
inzwischen selber an der Pest erkrankten Vater und Sohn Fischer wurden von Ursula
trotz der schweren Einquartierung versorgt. Zuerst starb der Sohn nach fünf
Tagen, dann nach acht Tagen auch der Vater. Die schwedischen Soldaten weigerten sich,
die Toten bis zur Bestattung im Haus zu belassen und warfen sie vor die
Türe - bei klirrender Kälte in Kot und Mist.
Wegen des
gefrorenen Bodens konnten die Toten nicht sofort beerdigt werden, so daß
Ursula mit ihrem Ehemann sich gezwungen sahen, draußen bei dieser Kälte
die toten Körper insgesamt fünf Tage zu bewachen; dies vor allem vor
streunenden Tieren.124)
In der Auseinandersetzung um das Gut des verstorbenen Henrich Fischer standen
sich schließlich im Jahre 1652 zwei streitende Parteien gegenüber, der
erbberechtigte Thonisen zum Bruch, der nun die Rückgabe des Fischer-Gutes
forderte und die Witwe Ursula, die über eine praktizierte christliche
Nächstenliebe in den Besitz des Gutes gelangt war und
schließlich über 15 Jahre diesen Besitz nicht nur innegehabt,
sondern auch sämtliche Gemeindelasten - Kriegssteuern und
Einquartierungen - getragen hatte. Der Streit führt
schließlich dazu, daß Ursula alle seit 1637 aufgewandten
Kosten auflistet und die Rückgabe des Gutes an einen Schadensersatz
in Höhe ihrer Aufwendungen koppelt. In diesen 15 Jahren hatte Ursula
Aufwendungen von insgesamt 259 Talern und 29 Schillingen.
Die detailierte
Auflistung der Soldaten, die bei ihr einquartiert waren ist hierbei von
besonderem Interesse.125)
Interessant ist aber auch, daß sie zwischen
1637 und 1647 zu insgesamt 436 Steuerterminen veranlagt wurde und daß
sie in dieser Zeit regelmäßig nur für das Haus an jedem Termin
vier Schillinge bezahlte.
Die zum Fischer-Gut gehörenden Ländereien
wurden ihrer Steuersumme nicht angelastet, sondern tauchen als Restanten in der
Restantenliste gesondert auf, was darauf hindeuten mag, daß die Gemeinde
die Ländereien getrennt vom Haus zu verpachten suchte.126)
Mit den
aufgeführten Steuerveranlagungen und den dargelegten Einquartierungsleistungen
war die Witwe Ursula eine typisch betroffene Person im Amt Wetter. Der Streit um
dieses Gut wurde nach hartem Ringen durch einen gütlichen Vergleich beigelegt,
denn Thonisen zum Bruch war zur Rückzahlung der ausgelegten Gelder nicht in der
Lage und mußte sich schließlich bereiterklären, gegen eine
Abstandssumme von 40 Reichstalern sämtliche Ansprüche auf das Gut
des Henrich Fischer fallenzulassen.
5. Von Steuerbefreiungen und Kriegsgewinnlern
Bislang wurden die vier Hauptmerkmale charakterisiert, die den
Dreißigjährigen Krieg im Amt Wetter existenzbedrohend machten. Es
handelte sich um die Aspekte der steten Besteuerung und Einquartierung, der
geschwinden Steuerexekution, der gewalttätigen Ausplünderung und
Brandschatzung und nicht zuletzt um die schwere Pestseuche, die zu
Bevölkerungsverlusten in einem Rahmen von mindestens 25% führten.
Nicht alle Bevölkerungskreise waren vom Krieg in gleichem Maße betroffen,
so wie sich dies auch regional sagen läßt, denn hier waren die Bauerschaften
an den Fernhandelsstraßen ungleich stärker betroffen. Der adlige Amtsdrost
war hier sicher weniger betroffen als der steuerpflichtige Bauer. Am Beispiel des
Bernhard von Romberg wurde aufgezeigt, daß selbst bei hohem persönlichen
Schaden der Adlige doch in der Lage war, Geldsummen zum Schadensausgleich umgehend
zu erhalten. Der Adel war auch in einer anderen Hinsicht bevorzugt, denn in der
Regel waren die Adelsgüter nicht steuerpflichtig, sondern von den allgemeinen
Steuerschatzungen befreit (exemt). Die gelegentliche Aufbringung von besonderen
Rittersteuern wird vom Umstand kaum ablenken können, daß die Gruppe
des niederen Adels aufgrund der Steuerbefreiung ihrer Güter besonders
privilegiert war und somit nicht annähernd so stark unter dem Anziehen der
Steuerschraube litt wie die Steuerpflichtigen.
Neben dem Adel profitierte auch eine andere Gruppe von Steuerbefreiungen.
Es handelt sich um die Beamten der Amtsverwaltung (Richter, Amtsschreiber,
Gerichtsschreiber) wie auch die amtierenden Bürgermeister der Städte.127)
Die Steuerbefreiungen waren offensichtlich nicht unumstritten, was die häufigen
Streitfälle um diese Befreiungen zeigen, ferner war auch nicht eindeutig
geklärt, wieweit solche Steuerbefreiungen reichten, ob z.B. der Richter
zu Wetter Johann Klöver keinerlei Lasten der Gemeinde tragen müsse,
obgleich er Eingesessener der Freiheit war und zudem einer der reichsten Männer
der Gegend.
Die Gemeinde Wetter versuchte den Richter Klöver beim Kurfürsten
zu verklagen, doch diese Bemühungen waren offensichtlich vergebens.128)
Erst die
Klageerhebung gegen seine Witwe (Anna Fabricius), die noch immer auf ihre
Steuerbefreiung beharrte, führte zu eingehenden Ermittlungen.129)
Im Rahmen der Frageartikel der Gemeinde wird zwar eingeräumt, daß man den
Richter Johann Klöver von den bürgerlichen Beschwerungen und Lasten
freygelassen habe, doch es wird gleichfalls behauptet, daß die Witwe nun
versuche, aus dieser persönlichen Steuerbefreiung eine immerwährende
Immunität zu machen, wobei vor allem mit der Adelsqualität ihrer
Güter argumentiert werde.
Die Gemeinde Wetter weist letztlich darauf hin,
daß zwar wegen der verschiedenen obrigkeitlichen Reskripte der Richter zu
Wetter von den Bürgerlasten zu Lebzeiten freigelassen worden sei, daß
dies aber nach seinem Tode unwirksam geworden wäre und eben nicht zum
ewigen Praejuditz gezogen werden könne.130)
Die Entscheidung des
gerichtlichen Streites liegt nicht vor, doch die Festsetzung einer definitiven
Schuldsumme - rund 527 Reichstaler - und die ultimative
Aufforderung zum Verkauf der klöverischen Güter an den Meistbietenden
zur Schuldtilgung im Jahre 1694/95 läßt vermuten, daß hier
tatsächlich die rückständigen Steuerschulden endlich
beigebracht werden sollten.
Auf dieselbe befreite Position weist der Versuch
des Schwelmer Gerichtsfronen Essmann hin, der mit Hilfe des Reichskammergerichtes
seine Steuerbefreiung durchsetzen wollte.131)
Die steuerbefreite Personengruppe war auch insofern in einer günstigeren Lage,
weil sie ihre Amtsstellung vielfach zur Bereicherung mißbrauchen konnten. Dies
ist wohl in einem erheblichen Umfang geschehen, wie dies z.B. Gerd Helbeck für
Schwelm nachgewiesen hat.
Die Klage, daß einige Steuereinnehmer der Bauerschaften
sich nach kurzer Zeit dermaßen bereichert hätten, daß sie zu den
reichsten Personen des Amtes gehörten,132)
trifft in gleicher Weise auch auf den Richter zu Wetter Caspar Reinermann zu.
Im Jahre 1664 wurden Anschuldigungen gegen den Reinermann laut, daß
er sich durch seine Amtsstellung als Gerichtsschreiber zu Hagen und als
Steuereinnehmer des Amtes im Dreißigjährigen Krieg bereichert habe.
Zur Überprüfung dieser Anschuldigung wurde eine kurfürstliche
Kommission eingesetzt, die sich aus lokalen Adligen und dem märkischen
Syndikus Johann Friedrich von Omphal zusammensetzte.133)
Zur Vorbereitung
eines Beweisverfahrens wurde Reinermann im September 1664 zweimal befragt.
Insgesamt mußte Reinermann 125 Fragen, die teils erhebliche Anschuldigungen
gegen seine Person und Amtsführung bargen, beantworten. Die von ihm
zurückgewiesenen Behauptungen wurden dann zum Gegenstand eines
Zeugenbeweises, wobei sich die kurfürstlichen Kommissare nach etwa 50 Zeugen
allmählich ein Bild von den Tatsachen machen konnten.
Der ganze Fall kann an dieser Stelle nicht eingehend geschildert werden,
doch die Vorwürfe weisen in großer Einheitlichkeit auf eine
Bereicherung Reinermanns hin.
Er habe etliche verfallene Güter in
und um Wetter an sich gebracht - so
die Scheiderhöffe134)
und zwei wüste verfallene Heüser in Wetter -,
ferner habe
er einzelne Wiesen, Grundstücke und Gerechtigkeiten in seinen Besitz gebracht,
wobei er aber die Leistungsverpflichtung zur Kontribution mißachtet habe,
letztlich wird der Vorwurf einer erheblichen Bereicherung an den Verwandten zweier
hingerichteter Personen, die aufgrund des Hexereivorwurfs verhaftet worden waren,
deutlich.135)
Das Verfahren gegen Reinermann nimmt schließlich possenhafte Züge an,
indem Reinermann sich nach Hamm und vorgeblich nach Berlin zum Kurfürsten begibt,
tatsächlich sich aber stets in der Nähe von Wetter aufhält, die
Kommission in Wetter soweit als möglich fortfährt und bei der
Zeugenbefragung immer neue Beschuldigungen gegen Reinermann dokumentiert,
dann schließlich der Richter gegenüber den Landständen seine
Unschuld beteuert und gegen das unförmliche Inquisitionsverfahren der Kommissare
herzieht. Daraufhin schreiben die Kommissare an den Statthalter Graf Moritz von
Nassau nach Kleve und an den Kurfürsten, um gegen jegliche Interzession seitens
des Obristleutnant Kielmann in Berlin zu protestieren und um eine persönliche
Vorladung Reinermanns nach Wetter zu erreichen. Unterdessen unterrichtet der
märkische Anwalt Winandt Rodt den Kurfürsten davon, daß von
Reinermann bekannt geworden sei, daß er in
Köln Kleinodien - gemeint sind wohl
Schmuckstücke - gekauft habe, die er zur Bestechung
der Beamten verwenden wolle. Der Höhepunkt der Angelegenheit ist anscheinend
im März 1665 durch einen Brief von Christoph Philipp von Loe an den
Kurfürsten erreicht, indem aufgrund der ehrverletzenden Klagen
Reinermanns gegen seine Person darauf hingewiesen wird, daß im
laufenden Verfahren Reinermann dreimal versucht habe, ihn mit Summen von
500, 600 und 700 Reichstalern zu bestechen.
In einem zwölf Punkte
umfassenden Papier wird zudem Kurfürst Friedrich Wilhelm aufgezeigt,
was für ein Missetäter und Dieb Reinermann sei.136)
Caspar Reinermann schien mit seinem Verwirrspiel schließlich im August
1665 am Ende zu sein, denn seit dem 1. August lagen in Kleve sämtlich Akten
zur Urteilsfindung vor. Da jedoch der Statthalter Moritz von Nassau auf Reisen war,
wurde erneut ein Aufschub nötig. Eine Vorentscheidung schien dann aber durch
den Befehl aus Kleve vom 29. Dezember erreicht, denn nun wurden sämtliche
Güter Reinermanns bis zum Endurteil in Arrest genommen. Überraschend
ist dann die Wendung: Am 1. Mai 1666 wird die Inquisitionssache gegen Caspar
Reinermann - auf dessen ausdrückliche Bitte hin - eingestellt.
Die erfolgte Absolution Reinermanns ist verblüffend, liegen doch dermaßen
viele Anhaltspunkte für ein offensichtliches Fehlverhalten vor. Die Abwendung
der Klage erfolgt nur unter der Begründung, daß nicht seine Unschuld
festgestellt wurde, sondern die ganze Sache bei der ersten Erhebung der
Kommission eine Weitlauftigkeit angenommen habe, die offensichtlich
eine Lawine ins Rollen gebracht hätte.
Ferner wird auf die Altersschwachheit
Reinermanns - er war 57 Jahre alt - hingewiesen. Die Streitsache
wurde aus kurfürstlicher Gnade gänzlich und für alle Zeit kassiert,
ferner wurde Reinermann wieder in den Besitz aller Güter gelassen, auch seine
Söhne durften wegen der erhobenen Anschuldigungen nicht mehr beklagt werden.137)
Die Familie Reinermann spielte aufgrund dieses Absolutionsurteils noch im 18.
Jahrhundert eine hervorragende Rolle in der Grafschaft Mark.
Ihr Aufstieg war
aber zu einem offensichtlich nicht unbeträchtlichem Teil dem umtriebigen
Wirken des Caspar Reinermann zu verdanken, der im Alter von 22 Jahren aus Kamen
kommend seine Amtsbestallung als Amtsschreiber des Bernhard von Romberg in Wetter
erhielt und zu dieser Zeit noch kaum begütert war.138)
Ob Reinermann
tatsächlich seine Amtsvollmachten im großen Stil mißbraucht
hat und als Kriegsgewinnler markiert werden kann bleibt unklar. Die Zeugenbefragung
und die sich dabei häufenden Beschuldigungen könnten auch auf Neid und
Mißgunst einer zutiefst durch den Krieg mitgenommenen Gesellschaft basieren.
6. Die Verpfändung des Amtes Wetter an Johann Graf von Sayn-Wittgenstein
Im Sommer 1645 war im Amt Wetter die kurfürstliche Kommission zur
Überprüfung der Leistungsfähigkeit der Untertanenschaft
in den Gerichten des Amtes unterwegs und erstellte die sogenannte
Hauptaufnahme über die steuerpflichtigen Güter. Ohne Übertreibung
darf behauptet werden, daß die kurfürstlichen Kommissare über
dieses Amt wohl besser bescheid wußten als über jedes andere Amt
in der Grafschaft Mark.
Als im Sommer die Hauptaufnahme soeben abgeschlossen
war, schrieb der kurbrandenburgische Prinzipalgesandte auf dem westfälischen
Friedenskongreß aus Osnabrück an Friedrich Wilhelm nach Berlin und schlug
dem Kurfürsten - der offensichtlich wegen der aufwendigen Gesandtschaft
in große Geldverlegenheit war - ein finanzielle Transaktion vor, in
dessen Mittelpunkt bald das jetzt so vorzüglich dokumentierte Amt Wetter
rücken sollte.139)
Der Prinzipalgesandte, es handelte sich um den Grafen
Johann von Sayn-Wittgenstein, schlug zunächst dem Kurfürsten nur den
Vorschuß einer Summe von 40000 Reichstalern vor, da aber die schnelle
Rückzahlung dieser Summe nicht möglich gewesen wäre, wurde
bald die Verpfändung des Amtes Wetter beraten. Die Interessen des
Kurfürsten liegen bei seiner steten Finanznot auf der Hand, die des
Grafen gingen aber wohl tiefer, denn am Beispiel der Entstehung der
reichsunmittelbaren Herrschaft Gimborn-Neustadt unter Graf Adam von Schwarzenberg
war deutlich geworden, daß unersetzliche politisch-diplomatische Dienste durch
Territorialgewinn kompensiert werden konnten, so daß ggf. hier Johann von
Sayn-Wittgenstein zunächst über die Pfandschaft seine Hand nach dem
Amt Wetter ausstreckte.
Ob die Pläne des Grafen tatsächlich so weit gespannt waren
läßt sich nicht belegen, möglicherweise wollte er auch
nur eine Sicherheit für die Gesandtschaftsausgaben haben, die er
offensichtlich aus eigener Tasche vorstreckte.
Das Amt Wetter wurde durch
die Pfandverschreibung vom 2. Januar 1646 auf 15 Jahre für 40000
Reichstaler u.a. gegen alle Domäneneinkünfte verpfändet.140)
Gegen die Verpfändung wandte sich der regionale Amtsadel, doch letztlich wurde
die Verpfändung wirksam, sogar 1648 auf drei Jahre verlängert, weil es
zu Beginn der Pfandschaft eine Verzögerung gegeben hatte.141)
Johann von Sayn-Wittgenstein führte die Amtsgeschäfte im kurfürstlichen
Namen. Der Pfandschaftsbesitz des Amtes Wetter wurde territorialgeschichtlich zwar
für den Grafen nicht unmittelbar bedeutsam, doch letztlich als Faustpfand in
der Frage der vollkommenen Besitzerwerbung der Grafschaft Hohenstein nutzbar gemacht.
Diese Grafschaft wurde dem Grafen als brandenburgisches Lehen 1648 übertragen,
doch die erbliche Qualität war nicht geregelt worden, so daß
zwischenzeitlich Kurbrandenburg die Auslösung der Grafschaft aus den
Händen Wittgensteins betrieb. Letztlich erhielt Wittgenstein aber auf
dem Reichstag zu Regensburg 1653 Titel und Wappen der alten Grafen von Hohenstein
vom Kaiser verliehen, was schließlich eine Einigung mit dem Kurfürsten
Friedrich Wilhelm 1654 vorbereitete.
Gegen einen Verzicht auf die Rückzahlung
der 40000 Reichstaler für das Amt Wetter bei Ablauf des Pfandschaftszeitraumes
räumte ihm Kurfürst Friedrich Wilhelm die Grafschaft Hohenstein als
erbliches Lehen ein.142)
Somit dürfte das Amt Wetter spätestens am 2. Januar 1664 wieder aus dem
Pfandschaftsverhältnis gelöst worden sein. Die hier häufig
erwähnten Vorwürfe gegen Caspar Reinermann wurden sowohl vor
als auch nach der Pfandschaft erhoben. Vor der Pfandschaft wurden die
Vorwürfe nicht weiter verfolgt, obgleich der Drost Hans Friedrich
von Loe alle Anschuldigungen gegen diesen Dieb schon erhoben
hatte.
Möglicherweise ruhten die Anschuldigungen gegen Reinermann,
weil inzwischen der alte Drost von Loe verstorben war, ggf. auch Reinermann
mit dem Grafen von Sayn-Wittgenstein ein Vertrauensverhältnis hatte.143)
Falls diese Einschätzung zutrifft und tatsächlich Reinermann durch die
Bindung zum Grafen geschützt war, so war erst nach dem Ende der Pfandschaft
der Weg zur Prozeßführung gegen Reinermann frei, die dann definitiv im
September 1664 begann.
7. Fazit
Die Aktenedition von Otto Schnettler hat wie auch die wissenschaftliche Verarbeitung
durch Reinhold E. Lob und Gisela Lange in aller Deutlichkeit gezeigt, daß die
Menschen im Amt Wetter von diesem Krieg außerordentlich stark betroffen waren.
Die Studien benutzten dabei den Quellenbegriff der wüst gewordenen Güter.
Damit sind nicht unbedingt Totalwüstungen im Sinne vollkommen zerstörter
Gebäude und verlassener Güter und Bauerschaften gemeint, sondern unter
wüst gewordene Güter meint man in der Regel jene Besitzrechtsstellen,
die stark unter den Kriegswirren gelitten haben, so daß sie entweder
tatsächlich ganz und gar verwüstet oder aber soweit heruntergekommen
waren, daß der landwirtschaftliche Erwerb vom Gut kaum mehr erwirtschaftet
werden konnte.
Als Folge lagen viele Ackerflächen brach und waren mit Buschwerk
überwachsen; die Bevölkerung verarmte zusehens und konnte die Kriegssteuern
nicht mehr bezahlen.144)
Diese Zusammenhänge sind im großen und ganzen bekannt und müssen
nicht in aller Breite dargelegt werden.
Weniger bekannt ist aber der Umfang der wüst gewordenen Güter in
Dorf und Freiheit Wetter, denn die Steuerstreitakten enthalten hierüber
keine Angaben.
Hier helfen Akten aus dem Stadtarchiv Wetter weiter, die z.B.
für das Jahr 1643 darlegen, daß die Freiheit Wetter in kurtzer
Zeit grossen Ruin erlebt habe, auch daß an die 29 Heuser
herunter gefallen und gerissen.145)
Schon bis 1640 habe sich die Gemeinde durch Schuldverschreibungen in einer
Höhe von 2000 Reichstalern verschuldet.146)
Die Angabe von 29 Häusern wird durch eine weitere Aufstellung belegt, die vom
Gerichtsschreiber zu Hagen Caspar Reinermann beglaubigt wurde.
Hier ist von
27 ledigen Häusern die Rede, die in der Freyheit Wetter
wüste gelegen, ferner werden weitere sieben Häuser benannt,
die wüst gelegen hatten, aber inzwischen wieder bewohnt werden, wo jedoch
kaum eine Steuerleistung zu erwarten sei.147)
Solche Bescheinigungen über
den Zustand der Güter wurden offensichtlich auf Druck der Kriegsherren
erstellt, denn bei einer Bescheinigung des Drosten Hans Friedrich von Loe vom 10.
Juli 1642 wird ausdrücklich gesagt, daß die Einwohner der Freiheit
Wetter vor ihm erschienen seien und um eine Zustandsbeschreibung des Gemeinde
gebeten habe, weil der kaiserliche Kriegskommissar dies schriftlich verlangt habe.
Der Drost stellt fest, daß in der Gemeinde 32 Häuser und Güter ganz
ruiniert seien und daß davon keine Kontribution verlangt werden könne.
Insgesamt würden in der Freiheit Wetter nur 24 unvermogene, blutharme
Unterthanen leben.148)
Das viele Häuser lange zerstört und niedergerissen lagen wird an einem
Brief des Richters Johann Kramer deutlich. Dort weist er 1642 darauf hin, daß
das Wernings Haus, das 1637 von schwedischen Soldaten beynahe gantz
hernidergerissen wurde, nun durch einen Sturm weiter beschädigt
worden sei.
Da dieses Haus als ehemaliges Richterhaus dem Kurfürsten gehöre,
fragt Johann Kramer, ob er den Wiederaufbau betreiben solle, oder ob er das
Haus vor ein pilliges an Peter Lockum verkaufen dürfe, der
um den Erwerb nachgefragt habe.149)
Eine Auflistung der Pächter zu Wetter zeigt,
daß 1645 von ursprünglich 87 Häusern in Wetter nur noch 55 in einem
baulichen Zustand seien.
Die restlichen 32 Häuser seien zugrundt
niedergerissen worden.150)
Dies würde bedeuten, daß in Dorf
und Freiheit Wetter nahezu 37% Wüstungen in dem Jahr vorhanden waren,
wo im übrigen Amt Wetter die Hauptaufnahme der steuerpflichtigen Güter
entstand. Die anhaltende Armut der Bewohner der Freiheit Wetter wird in einer
weiteren Bescheinigung des Drosten Hans Friedrich von Loe und des Richters
Johann Kramer aus dem Jahre 1646 deutlich. Sie bescheinigen,
daß woll über 20 Häuser ruinirt und wüste
liggen.
Bezieht sich diese Aussage nur auf die Freiheit Wetter, wo meist von
etwa 46 Häusern die Rede ist,151)
so hat sich der Zustand zum Vorjahr
keineswegs gebessert. Es wird erneut auf die Armut der Bewohner der Freiheit
hingewiesen. Als Ackersleute und Maurer würden sie den Winter nichts
verdienen können, und alles was sie den Sommer und sonsten erwerben, an die
Contribution lagen müssen.
Auch seien sie alle Pächter
und müßten somit von jedem Morgen Land ein Malter zur Pacht a
bgeben.152)
Die Bescheinigung schließt mit der Feststellung, daß
viele hoch verschuldet seien und nicht nur die Privathäuser baufällig,
sondern auch die Kirche und die Kapelle von den Bewohnern kaum erhalten werden
könnten.
Die Pächter der Freiheit bitten in den ersten Jahren nach
Abschluß des Westfälischen Friedens mehrfach um Senkung der Pacht,
da es zu Mißernten gekommen sei.153)
Diese ganzen Angaben geben ein recht konsistentes Bild, was die Auswirkungen
des Dreißigjährigen Krieges auf die Gemeinde Wetter betrifft. Die
langen Kriegsjahre haben zu einer nachhaltigen Verelendung der Bevölkerung
geführt, zum - teils gewaltsamen - Niedergang ganzer
Familien, zugleich aber auch zum Aufstieg einzelner Persönlichkeiten. Die
Kriegsauswirkungen im ganzen Amt sind vergleichbar, doch die Bauerschaften an den
Handelsstraßen und die Stadt Schwelm scheinen zusätzlich stark durch
Truppenbewegungen und Pest gelitten zu haben. Die Akten geben dabei meist eine
fiskalische Sicht der Dinge wieder, da die Beamten vor allem die Frage der
Steuerleistung als eine Überlebensfrage behandeln mußten. Solche
Akten weisen über die vielen Kriegsdrangsale wenig aus oder das Leiden
der Bevölkerung versteckt sich hinter dürren Feststellungen, daß
in diesem Gut seit langer Zeit keiner mehr gewohnt habe oder das jenes Gut von den
Kriegsleuten ruiniert worden sei.
Für die Armut der Bevölkerung in Schwelm
steht die Tatsache, daß der Rat zur Armenspeisung Mehl verbacken ließ.154)
Trotz dieser vielen Hinweise auf Not, Elend und Untergang, so muß auch auf einige
wirtschaftliche Bereiche hingewiesen werden, die in dieses Bild nicht passen wollen.
Gerd Helbeck hat nicht nur darauf hingewiesen, daß verschiedene Bereiche des
Handels - für Schwelm besonders wichtig - mit einigen
Einbußen den Krieg überstanden, vielmehr gab es mit der
Kohleförderung in unserer Region einen beachtlichen säkularen Aufschwung.155)
Der Westfälische Frieden brachte 1648 den Krieg europäischer Dimension
zum Stillstand. Die Rückführung der Soldaten in ein ziviles Dasein blieb
als Problem noch einige Jahre akut wie auch der Jülich-Klever Erbfolgestreit,
der die Grafschaft Mark noch einige Jahre nach dem Krieg in Atem hielt.
Doch
letztlich waren die Signale unübersehbar, daß
jetzt der langgewünscheter Friede gekommen war.156)
Schon 1649 lebten in der Freiheit Wetter wieder 131 Personen, im Dorf Wetter
immerhin 76.157)
2000-09-30 Dr. Bernhard Ruthmann
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